Junges Europa: Optimistisch, aber nicht mehr unbeschwert

  • Beitrag zuletzt geändert am:Juni 26, 2026

Persönlich zufrieden, aber insgesamt weniger optimistisch. Die Demokratie bleibt Leitbild, muss aber zeigen, dass sie auch für junge Menschen funktioniert. Die Ergebnisse der zehnten Jugendstudie „Junges Europa“ der TUI Stiftung zeigen ein ambivalentes Bild der Generation der 16 bis 26-Jährigen in Europa. 

„Vertrauen hat die junge Generation insbesondere in Wissenschaft, Polizei, UN und NATO – und weniger in die politischen Parteien ihres Landes. Und sie hat offenbar Vertrauen in sich selbst: Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) kann sich vorstellen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Besonders hoch ist die Gründungsbereitschaft in Frankreich (61 Prozent), Griechenland (61 Prozent) und Polen (60 Prozent) – in Deutschland liegt sie bei 51 Prozent. Ein Drittel der jungen Europäerinnen und Europäer wünscht sich engere Verbindungen zwischen den EU-Mitgliedsländern, ein weiteres Drittel findet das gegenwärtige Verhältnis genau richtig“, sagt Thomas Ellerbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der TUI Stiftung. 

Im Zehn-Jahres-Vergleich der Jugendstudie der TUI Stiftung – die seit 2017 jährlich veröffentlicht wird – hat sich der positive Ausblick junger Menschen auf die eigene Zukunft eingetrübt. 2026 gibt etwas mehr als die Hälfte der 16 bis 26-Jährigen (57 Prozent) an, optimistisch in die Zukunft zu blicken. 2017 sagten dies noch 70 Prozent. Besonders sichtbar ist der Rückgang in Deutschland, wo der Anteil der optimistischen jungen Menschen von 64 Prozent im Jahr 2017 auf aktuell 52 Prozent sinkt. Damit sind in Deutschland im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (41 Prozent optimistisch) junge Menschen insgesamt etwas zuversichtlicher in Bezug auf ihre Zukunft. Dabei wird ein zentrales Aufstiegsversprechen demokratischer Gesellschaften – dass es der eigenen Generation besser gehen wird als der Generation der Eltern – von jungen Menschen heute nicht mehr als Selbstverständlichkeit gesehen. 25 Prozent der befragten jungen Europäerinnen und Europäer glauben weiterhin an dieses Aufstiegsversprechen. 52 Prozent gehen davon aus, dass es ihre Generation schlechter haben wird als die Generation ihrer Eltern.

EU bleibt für junge Menschen präsent, aber verliert an Selbstverständlichkeit – Hohes Vertrauen in Wissenschaft, Polizei und Vereinte Nationen

 Wissenschaft, Polizei, Vereinte Nationen, NATO – das sind die Institutionen, denen junge Europäerinnen und Europäer am meisten vertrauen. Die Europäische Kommission und das Europäische Parlament folgen auf Platz 5. Europa ist damit weiterhin ein wichtiger Bezugspunkt, aber kein Selbstläufer mehr. Das zeigt sich besonders dort, wo junge Menschen gefragt werden, wofür die EU steht. Sie verbinden die EU weiterhin mit großen Versprechen: Menschenrechte (37 Prozent), Frieden (36 Prozent), Solidarität (31 Prozent), Demokratie (30 Prozent) und Sicherheit (27 Prozent). Im Vergleich zu 2017 werden diese Werte der EU jedoch seltener zugeschrieben.

Geht es um die Aufgaben und Bedeutung der EU, steht diese aus Sicht junger Menschen vor allem für offene Grenzen (62 Prozent) und ein wirtschaftliches Bündnis (57 Prozent). Allerdings hat insbesondere die Wahrnehmung der EU als Wirtschaftsgemeinschaft seit 2017 deutlich an Bedeutung verloren. Auffällig ist zudem, dass immer mehr Befragte keine klare Einschätzung dazu haben, was die Aufgaben der EU sind. Die Studie zeigt: Die EU bleibt weiterhin, hat aber ein weniger klares Profil. Für junge Menschen scheint weniger selbstverständlich zu sein, was Europa konkret leistet und wofür Europa steht.

Junge Menschen in Europa sind mobil und flexibel im Job

Junge Europäerinnen und Europäer zeigen sich insgesamt mobil, planen ihre berufliche Zukunft dennoch mehrheitlich im eigenen Land: Mehr als die Hälfte (52 Prozent) möchte in den nächsten fünf Jahren hauptsächlich dort arbeiten. Besonders ausgeprägt ist dies in Großbritannien (76 Prozent), während sich in Griechenland nur rund ein Drittel (34 Prozent) auf den heimischen Arbeitsmarkt konzentriert. Gleichzeitig kann sich knapp ein Fünftel (18 Prozent) vorstellen, in einem anderen EU-Land zu arbeiten. Besonders hoch ist diese Bereitschaft in Italien (26 Prozent) und Griechenland (28 Prozent). Auch Arbeitsorte außerhalb der EU oder Europas kommen für einen Teil der Befragten infrage, insbesondere in Frankreich und Griechenland.

Auch beim Blick auf die eigene Erwerbsbiografie zeigt sich die junge Generation offen für unterschiedliche Wege: Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) kann sich vorstellen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Besonders ausgeprägt ist die Gründungsbereitschaft in Frankreich (61 Prozent), Griechenland (61 Prozent) und Polen (60 Prozent); in Deutschland liegt sie bei 51 Prozent. Junge Menschen in Deutschland, die eine Gründung für sich ausschließen, nennen vor allem finanzielle Risiken, hohe Arbeitsbelastung und fehlende Geschäftsideen als Gründe.

Persönliche Bedürfnisse wichtiger als politische Freiheiten 

Werden junge Menschen gefragt, was für sie Freiheit heute bedeutet, dann zeigt sich: Für sie ist Freiheit kein abstrakter Wert, sondern etwas Konkretes wie Sicherheit vor Armut oder Chancengleichheit für alle. In Freiheit zu leben bedeutet für sie vor allem, dass grundlegende Voraussetzungen für ein gutes Leben erfüllt sind: gleiche Chancen für alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Sexualität, sozialer oder ethnischer Herkunft (41 Prozent), dass sie körperlich und psychisch gesund sind (36 Prozent) sowie ein Leben ohne Armut führen können (29 Prozent). Eine große Rolle spielt auch, reisen und leben zu können, wo man möchte (29 Prozent).

Politische Freiheitsrechte treten in der Wahrnehmung vieler junger Menschen gegenüber diesen Grundbedürfnissen etwas in den Hintergrund. Auch in Deutschland zeigt sich diese Verschiebung. Vor vier Jahren zählte noch rund ein Drittel (34 Prozent) der jungen Deutschen die freie politische Meinungsäußerung zu den wichtigsten Bestandteilen persönlicher Freiheit. Aktuell sind es 28 Prozent. Freie und gleiche Wahlen nannten damals 26 Prozent, 2026 sind es 20 Prozent. Die Zahlen deuten nicht auf ein Desinteresse an Demokratie hin, sondern auf eine veränderte Prioritätensetzung: In einer Zeit wachsender Unsicherheit rücken die materiellen, gesundheitlichen und sozialen Grundlagen von Freiheit stärker in den Vordergrund.

Demokratie bleibt Leitbild – 50 Prozent halten sie für die beste Regierungsform

Die Demokratie bleibt für junge Menschen in Europa zwar die bevorzugte Regierungsform. In allen Ländern stimmt die Mehrheit der Befragten der Aussage „Die Demokratie ist alles in allem die beste Staatsform“ zu – allerdings mit sinkender Tendenz im Zeitverlauf. Gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit damit, wie sie im eigenen Land funktioniert. Nur etwa ein Viertel (26 Prozent) der jungen Menschen zeigt sich mit der Demokratie in ihrem Land (eher) zufrieden. Die höchsten Zustimmungswerte verzeichnen Deutschland (35 Prozent) und Großbritannien (39 Prozent). Doch der langfristige Trend zeigt in vielen Ländern nach unten: In Deutschland, Frankreich, Italien und Griechenland ist der Anteil der Unzufriedenen seit 2018 gestiegen. Eine gegenläufige Entwicklung zeigt sich hingegen in Polen und Großbritannien, wo junge Menschen heute mit dem Funktionieren der Demokratie zufriedener sind als noch vor einigen Jahren.

„Junge Menschen fordern von der Politik vor allem eines ein: Verlässlichkeit. Sie haben ein sehr feines Gespür dafür, ob Ankündigungen im Alltag Wirkung entfalten oder nur Versprechen bleiben. Gerade weil sie Demokratie und Europa nicht grundsätzlich infrage stellen, aber ihre Leistungsfähigkeit kritischer beurteilen, sollte sich Politik stärker auf das Wesentliche konzentrieren und liefern. Lieber fünf Dinge richtig gut machen, die für junge Menschen sichtbare Wirkungen entfalten, als zwanzig Dinge zu versprechen und sich im Klein-Klein der Regulierung zu verheddern. Denn spürbare Ergebnisse stärken das Vertrauen in die Institutionen. Das stärkt die Demokratie“, sagt Thomas Ellerbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der TUI Stiftung.

Besonders deutlich wird der Stimmungswandel junger Menschen in Deutschland im Vergleich zu 2018. Der Anteil derjenigen, die radikale Reformen des politischen Systems fordern, hat sich seitdem verdoppelt – von acht auf 16 Prozent. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Systems spürbar gesunken: Sahen 2018 noch knapp vier von zehn (39 Prozent) das System als grundsätzlich funktionierend an, ist es 2026 nur noch gut ein Viertel (28 Prozent).

Keine Abkehr von der Demokratie – sondern gestiegene Ansprüche an ihre Funktionsfähigkeit 

Dabei setzen junge Europäerinnen und Europäer weiterhin auf die Demokratie. Jede bzw. jeder Zweite (50 Prozent) hält sie für die beste Regierungsform. Gleichzeitig zeigt sich ein rückläufiger Trend. In vielen Ländern nimmt die Überzeugung ab, dass die Demokratie anderen Staatsformen überlegen ist. 28 Prozent der Befragten bewerten die Demokratie als nicht besser oder schlechter als andere Systeme, während neun Prozent angeben, alternative Staatsformen zu bevorzugen. Besonders deutlich ist der Rückgang der Zustimmung in Deutschland, wo gut die Hälfte der Befragten (53 Prozent) die Demokratie für die beste Staatsform hält – im Jahr 2022 waren es noch zwei Drittel (63 Prozent). Aber auch in Frankreich, Griechenland und Spanien hat im Vergleich zu 2022 das Vertrauen in die Überlegenheit der Demokratie spürbar abgenommen.

„Die Ergebnisse der Studie zeigen keine Abkehr junger Menschen von der Demokratie. Aber nach zehn Jahren Jugendstudie sehen wir sehr deutlich, dass demokratische Zustimmung nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher. Demokratie bleibt für viele junge Europäerinnen und Europäer die bevorzugte Regierungsform. Gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit mit ihrer konkreten Leistungsfähigkeit. Die Langfristperspektive der Studie macht sichtbar: Das demokratische Fortschrittsversprechen hat an Strahlkraft verloren. Die junge Generation ist nicht demokratieskeptisch aus Prinzip. Sie ist anspruchsvoller geworden. Sie misst Demokratie stärker an Ergebnissen. Demokratie muss ihre Leistungsfähigkeit im Alltag stärker erfahrbar machen. Es reicht nicht, Demokratie nur als Wert zu verteidigen. Sie muss zeigen, dass sie Probleme lösen und Zukunft gestalten kann“, sagt Prof. Dr. Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat.

Wie tiefgreifend diese Veränderung ist, zeigt der Vergleich mit der Gesamtbevölkerung in Deutschland: Junge Menschen (36 Prozent) sind offener für andere Staatsformen als Demokratie als die Gesamtbevölkerung (20 Prozent) – der Trend ist kein Ausreißer, sondern zeigt sich kontinuierlich.

„Nach zehn Jahren sehen wir nicht nur Momentaufnahmen, sondern deutliche Verschiebungen im Blick junger Menschen auf ihre eigene Zukunft, auf Demokratie, Freiheit und Europa. Junge Europäerinnen und Europäer blicken weiterhin mit mehr Zuversicht nach vorn als ältere Generationen. Zugleich aber ist der Druck spürbar gewachsen. Zukunftserwartungen haben sich eingetrübt, wirtschaftliche Sicherheit ist wichtiger geworden, und das Vertrauen in politische Institutionen und demokratische Handlungsfähigkeit ist belastet. Die Zehnjahresperspektive hilft uns, diese Entwicklung nicht als kurzfristige Krisenreaktion zu lesen, sondern als tiefere Veränderung in den Erwartungen einer Generation“, sagt Mike Brauner, Geschäftsführer der TUI Stiftung.

Das Meinungsforschungs-Institut YouGov befragte dazu zwischen dem 24. April und 21. Mai 2026 in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Polen und Großbritannien online 8.024 junge Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Wohnbevölkerung in dieser Altersgruppe. Seit 2017 veröffentlicht die TUI Stiftung ihre Jugendstudie. Für zentrale Fragestellungen liegen damit Zeitreihen über mehrere Jahre vor. Sie ermöglichen einen fundierten Einblick in eine Generation junger Europäerinnen und Europäer, die von den Nachwirkungen der Finanz- und Migrationskrise, der Corona-Pandemie sowie dem Krieg in der Ukraine geprägt ist.